Bindung und Beziehung

 

Besonders beim Thema "Schlafen" wird eins deutlich:

Kinder brauchen Nähe.

Die meisten Schlafprobleme stehen damit im Zusammenhang: Die Kinder wachen auf und rufen nach ihren Eltern, anstatt wieder in Ruhe weiter zu schlafen. Viele Kinder wollen nicht ins Bett, weil sie sich nicht trennen wollen. Oft wollen die Kinder bei den Eltern im Bett schlafen...

Alles in allem kann man sagen, dass ein großer Teil der Schlafprobleme sicher dadurch verursacht wird, dass die Eltern aus unterschiedlichen Gründen nicht so viel Nähe zulassen wollen, wie die Kinder es gerne hätten. Eine große Sorge vieler Eltern ist es, das Kind zu verwöhnen oder ihm schlechte Angewohnheiten anzuerziehen. Hier lohnt sich ein Blick auf die Bindungstheorie. Die Bindungstheorie ist eine Wissenschaft, die sich mit dem Bindungsverhalten des Menschen auseinandersetzt. Anhand dieser Theorie läßt sich das oft als problematisch empfundene Schlafverhalten von Kindern besser verstehen. Die Bindungstheorie beschreibt Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Kindern und erklärt warum es negative Auswirkungen für die Entwicklung von Kindern haben kann, wenn diese Bedürfnisse nicht befriedigt werden.

Bindungstheorie:

Alle Kinder (auch die meisten Tierkinder) entwickeln eine Bindung zu ihren Bezugspersonen. Im Falle von Angst oder Schmerzen wird ihr Bindungssystem aktiviert. Sie rufen die Bezugsperson und wollen beruhigt werden. Wenn sie beruhigt wurden, können sie sich wieder anderen Dingen zuwenden. Das funktioniert allerdings nur dann reibungslos, wenn das Kind eine so genannte „sichere Bindung" zu seiner Bezugsperson aufgebaut hat. Diese schützt das Kind vor Stress und wirkt entwicklungsfördernd.

 

Im Laufe des ersten Lebensjahres entwickelt sich die Bindung zu der Bezugsperson. Dabei können allerdings auch Störungen auftreten. Wenn das Kind keine sichere Bindung zu seiner Bezugsperson aufbauen kann, ist seine Entwicklung gefährdet. Eine sichere Bindung baut das Kind dann auf, wenn die Bezugsperson feinfühlig und angemessen auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht.

Aufgrund der Erfahrungen die ein Kind mit seinen Bezugspersonen macht, entwickelt es sogenannte "innere Arbeitsmodelle" von sich selbst und von anderen. Diese beinhalten das Wissen des Kindes darüber wo sich der andere aufhält, wozu er in der Lage ist und wie er reagieren wird. Mit diesem Wissen wird das Kind in die Lage versetzt, sein Verhalten einsichtig und vorausschauend zu planen. Die Arbeitsmodelle entstehen aufgrund von realen Erfahrungen, die das Kind mit seinen Bezugspersonen macht. Zunächst sind diese Modelle noch flexibel, aber im Laufe des Lebens stabilisieren sie sich zunehmend und bilden generalisierte Erwartungshaltungen in allen Bindungsrelevanten Situationen, so genannte Bindungsrepräsentationen.

„Da diese Modelle Tag für Tag angewandt werden, wird ihr Einfluss auf Denken und Fühlen zur Routine, und sie üben ihren Einfluss unbewusst aus“ (Bowlby 1989, S. 23). Sie beeinflussen dann die Erfahrungen und den Umgang mit anderen Personen, sowie die Erwartungen an deren Bindungsbereitschaft. 

Die Erfahrungen, die ein kleines Kind mit seinen Bezugspersonen macht, sind also von großer Bedeutung für seine Entwicklung und wirken sich bis ins Erwachsenenalter hinein aus.

Die Bindungstheorie zeigt, dass ein Kind Bezugspersonen braucht, die feinfühlig und angemessen auf seine Bedürfnisse eingehen. Nur so kann es sich optimal entwickeln. Bezogen auf die Methoden in den gängigen „Schlaf-Lern-Büchern" kann man ganz klar sagen, dass die dort zu findenden Ratschläge sich kontraproduktiv auf die Entwicklung einer sicheren Bindung auswirken. Wenn dort empfohlen wird, das Kind schreien zu lassen, wird es dadurch psychischen Stress ausgesetzt was sich wiederum negativ auf die Entwicklung seiner Vorstellung von Bindung auswirkt. Es erfährt, dass die Bezugsperson nicht reagiert und ihm hilft. Sein Gefühl von Sicherheit wird stark beeinträchtigt. Wenn ein Kind dann sogar solange schreien gelassen wird, bis es sich erbricht, keine Luft mehr bekommt und schließlich vor Erschöpfung einschläft, ist das einfach nur grausam. Eine solche Erfahrung hat für das Kind traumatische Qualität. Das Schreien des Kindes hat nichts mit Trotz oder Eigensinn zu tun. Das Kind hat einfach ein existentielles Bedürfnis nach Bindung und Sicherheit. Alleine gelassen hat es Angst. Wenn es dann nach einiger Zeit aufgibt und nicht mehr schreit, hat es seine Erwartung, dass eine fürsorgliche Bezugsperson ihm zur Hilfe kommen wird, aufgegeben. Und das ist ganz schön traurig. (Da dieses Thema sehr komplex ist und hier nur angerissen werden kann, empfehle ich bei Interesse in „Besucherritze - Ein ungewöhnliches Schlaf- Lern- Buch" nachzulesen.)

 

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