Vorschau zum neuen Buch

Vorschau "Sitz! Platz! Aus!"

Erscheint im Frühjahr 2014

 

Einleitung -

Einst im Wald

Am Sonntagabend bekomme ich einen Anruf. „Ich hüte den Hund von einer Freundin. Lass uns mal zusammen spazieren gehen!“ „Klar, warum nicht?“ habe ich mir gedacht. Warum nicht? Die richtige Frage wäre eigentlich „Warum doch?“ gewesen. Leichtsinnigerweise habe ich aber zugesagt, obwohl eigentlich viele offensichtliche Gründe dagegen sprechen mit zwei Dreijährigen, zwei Laufrädern, einem Baby und einem Hund in den Wald zu gehen. Abgesehen davon, dass man sich vorstellt, dass wäre ein toller, entspannter Ausflug, der allen Beteiligten Spaß macht, spricht im Grunde genommen alles dagegen. Um mit seinem Kind in den Wald zu gehen, muss man es erstmal anziehen und da fangen die Probleme schon an. Erst holt man die falschen Schuhe, dann zieht man den falschen Schuh zuerst an und dann erlaubt man sich auch noch die Tür selbst zu öffnen, obwohl das Kind das doch selber machen wollte… Hilfe! Will man parallel dazu noch ein Baby und einen Hund einpacken potenzieren sich die möglichen Fehlerquellen noch mal um ein hundertfaches und jeder normale Mensch ist schon am Rande eines Nervenzusammenbruchs bevor der Spaziergang überhaupt erst losgeht. Im Wald angekommen werden die Laufräder ausgepackt. Das Laufrad vom Freund fährt prinzipiell besser, aber tauschen möchte man auf keinen Fall. Dann stimmt irgendwas mit dem Helm nicht. Den kann mein Sohn auf keinen Fall aufsetzten. Einundzwanzig, zweiundzwanzig…. Ich versuche mich mit Atemtechniken und Autosuggestion zu beruhigen aber Mist, ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe für meinen Sohn „Fahrradhandschuhe“ mitgenommen. Meine Freundin ist natürlich nicht auf die Idee gekommen, dass genau dieser Ausrüstungsgegenstand – ein blauer Handschuh mit Bärchenkopf im Hochsommer- elementar wichtig für einen Waldspaziergang ist. Ha! Da bin ich besser vorbereitet, allerdings auch nur weil mein Sohn seit Monaten ein Ausrüstungsfetischist ist und ohne die passende Ausrüstung prinzipiell erstmal gar nichts macht. Nun macht aber der Sohn meiner Freunden erstmal gar nichts. Hm. Wo kriegen wir jetzt einen halbwegs akzeptablen Ersatz her. Natürlich werden alle angebotenen Kompromisse kategorisch abgelehnt. Nach einer längeren Diskussion, waren wir komischerweise dazu in der Lage einen Dreijährigen dazu zu überreden, trotz fehlender Handschuhe an unserem Spaziergang teilzunehmen. Ein Licht am Horizont. Aber nur ein kleines. Dann fahren uns die Jungens erstmal davon. Meine Freundin joggt mit Baby im Tragetuch hinterher. Wir versuchen uns zu unterhalten, was natürlich schwachsinnig ist. Dann entdecken die Jungens etwas und bleiben stehen. Lange. Laufrad fahren ist seit Neustem – genau genommen seit zehn Sekunden- total doof. OK. Wir sind inzwischen mitten im Wald. Unsere Kinder wollen nicht weiterfahren. Wir haben zwei Laufräder, ein Baby und Wickeltaschen dabei. Das kann anstrengend werden. Nun gut, dann tragen wir halt. Die Jungens trödeln hinterher. Mit den Laufrädern sind wir doch ganz schön weit gekommen, was in logischer Konsequenz auch zu einem langen Rückweg führt. Plötzlich wird das Baby unruhig. Es will gestillt werden. Klar, der Ausflug zieht sich halt auch irgendwie in die Länge. Also erstmal stillen. Die Großen spielen. Wie idyllisch. Wir können weiter gehen. Inzwischen spielen unsere Kinder nicht mehr sondern streiten. Sie sind inzwischen auch müde und hungrig. „Wir können nicht mehr laufen!“ „Dann fahrt Laufrad!“ „NEIN TRAGEN!“ Wir stehen vor der Entscheidung zwei schlechtgelaunte Dreijährige noch eine weitere Stunde durch den Wald zu treiben oder uns einen Bruch zu heben. Wir entscheiden uns für den Bruch und schleppen Kind, Laufrad und Wickeltasche zum Auto. Meine Freundin hat noch ein Baby umgebunden. Nach ein paar Metern meint sie: „Der Hund ist aber brav, gell?“ „Der Hund? Ach ja, da war ja noch was. Der ist wirklich brav.“ „Der hört irgendwie besser als unsere Kinder, aber der hat ja auch schon seine Grundausbildung abgeschlossen.“ „Hm. Wohl wahr. Es lässt sich nicht leugnen. An der Grundausbildung müssen wir noch arbeiten…“ Beim Auto angekommen verabschieden wir uns komischerweise mit den Worten: „Es war schön. Das müssen wir demnächst wiederholen.“ „Aber mit besser ausgebildeten Kindern“, denke ich mir. Nun stellt sich aber die Frage, wie man das hinbekommen soll. Und was heißt eigentlich besser ausgebildet? Beim Hund ist das ja recht klar. Er sollte die Grundkommandos mehr oder weniger zuverlässig beherrschen damit man mit ihm einen weitestgehend reibungsfreien Alltag verbringen kann. Da reicht es wenn er auf „Sitz!“, „Platz!“, „Aus!“ und vielleicht noch auf „Komm!“, „Fuß!“ und „Bleib!“ hört. Mehr will man ja erstmal gar nicht. Ehrlich gesagt, wenn das bei meinem Sohn zuverlässig funktionieren würde, wäre ich auch schon mal recht zufrieden. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das keine ausreichende Grundlage für ein langes, erfülltes und zufriedenes Leben ist. Und das ist es ja, was man sich für seine Kinder wünscht, oder nicht? Irritiert von der Feststellung, dass ein Ausflug mit Hund wesentlich unkomplizierter ist als ein Ausflug mit Kind, fing ich an mir Gedanken zu machen. Irgendwas müssen wir unseren Kindern wohl doch beibringen. Dass der Hund so unkompliziert ist, lässt sich auf seinen guten Grundgehorsam zurückführen. Aber Grundgehorsam erscheint mir nicht gerade als ein besonders zeitgemäßes Erziehungsziel. Doch was ist zeitgemäß? Was soll mein Sohn lernen, damit er sich im Leben zurechtfindet und was soll ich lernen, damit ich mich mit ihm zurechtfinden kann? Was kann ich ihm für seine Zukunft mitgeben und was soll das überhaupt für eine Zukunft sein? Wenn man so drüber nachdenkt, kommen einem schon einige Fragen. Spätestens wenn die Kinder dem Babyalter entwachsen sind, merkt man, dass man irgendwie Stellung beziehen muss. Irgendwie muss man sie erziehen und ihnen irgendwas beibringen. Aber was erwarte ich von meinem Kind und wie setze ich das durch? Darf ich es aus dem Wald nach hause tragen oder soll es gefälligst selbst fahren? Sollen unsere Kinder funktionieren und sich anpassen und unterordnen, wie man es von einem Hund verlangt, oder haben sie gar ein Recht auf Eigensinn? Müssen sich die Kinder an unser abgehetztes, durchstrukturiertes, effektives und effizientes Leben anpassen, oder müssen wir einen Gang runter schalten und uns an unsere Kinder anpassen? Man weiß es nicht und alles könnte falsch sein. Und falsche Entscheidungen erscheinen fatal. Schließlich droht ständig die Vision vom kleinen Tyrannen, der seine Eltern in den Wahnsinn treibt oder die Angst davor zu Helikopter- Eltern zu mutieren, die ständig besorgt um den Nachwuchs rumschwirren. Von allen Seiten prallen Ratschläge auf einen ein und jeder, außer man selbst, scheint genau zu wissen, was das Beste für das Kind ist. Was ist aber das Beste? Welche Erziehungsziele soll ich verfolgen und wie kann ich die Beziehung zu meinem Kind gestalten? Wie kann ich ihm helfen zu einem glücklichen und zufriedenen Erwachsenen heran zu wachsen? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen, ist dieses Buch entstanden.

Wenn Sie hier aber nach allgemein verbindlichen Ratschlägen oder nach Rezepten für den Umgang mit Kindern suchen, liegen Sie falsch. Solche Erwartungen kann und will ich nicht erfüllen. Was Sie hier aber hoffentlich finden werden, sind Denkanstöße, Perspektivenwechsel und ein wenig Unterhaltung. Vielleicht kann Ihnen mein Buch zu mehr Gelassenheit und Freude im Umgang mit Ihren Kindern verhelfen und vielleicht wird Ihr Vertrauen in Ihre eigenen Fähigkeiten und in Ihre Intuition gestärkt. Vielleicht. Ich hoffe es. Wenn nicht, machen Sie sich nichts draus. Auch dies ist nur ein Buch. Das wahre Leben spielt sich woanders ab. Und für dieses wahre Leben wünsche ich Ihnen alles Gute, viel Kraft und Liebe. Dann wird das schon. Auch ohne Buch.

 

Jetzt schauen wir uns aber erstmal an, warum Hundeerziehung so gut funktioniert. Auf die Idee, dass man die Methoden vom Hundeplatz auch auf die Kindererziehung übertragen kann, sind nämlich vor mir auch schon einige andere gekommen. Aber lassen Sie sich überraschen.

 

 

Leine oder Liebe?

Warum Dressur in der Kindererziehung nicht der richtige Weg ist.

 

 

Sitz, Platz, Aus!

So, ich hoffe, Sie sitzen. Ich zeige Ihnen nämlich jetzt mal was Gruseliges. Schlagen Sie einen beliebigen Ratgeber zur Hundeerziehung auf und ersetzen Sie jedes Mal das Wort Hund durch das Wort Kind. Wenn Sie kein solches Buch da haben, folgen Sie einfach meinen Ausführungen. Ich nehme mal das Buch: „Einfache Hundeerziehung: Schritt für Schritt erklärt“, schlage es auf, und lege los: „Kindererziehung ist keine Magie […], sondern funktioniert nach wissenschaftlich erwiesenen Methoden, mit denen man seinem Kind etwas beibringen oder sein Verhalten ändern kann. Das sollte so gleichberechtigt und partnerschaftlich wie möglich vonstatten gehen […]. [Sie werden] feststellen, dass eine positive und partnerschaftliche Erziehung zu den besten und schnellsten Ergebnissen führt. […] Wird ein Kind für unerwünschtes Verhalten bestraft, wird es das möglicherweise in Zukunft unterlassen. [Aber nur] dann, wenn seine Eltern in der Nähe sind. […] Bestrafung ist auch deswegen kein geeignetes Mittel zur Erziehung, weil das Kind keine Anleitung bekommt, welches Alternativverhalten von ihm gewünscht wird. […] Alles in allem keine besonders schöne Art, mit einem Familienmitglied umzugehen. […] Die Zeiten, als man Kinder durch Anbrüllen oder harte Strafen erzogen hat, sind zum Glück vorbei. Sehr viel einfacher durchzuführen und für beide Seiten mit viel mehr Freude verbunden, ist es, seinem Kind durch Belohnung, Lob und liebevolle Zuwendung beizubringen, was man von ihm möchte“ (Team Hundeerziehung mit Erfolg 2012, 7-8) Hört sich nicht besonders komisch an, oder? Gut man muss natürlich auch die Worte Besitzer durch Eltern und Fressnapf durch Teller ersetzen aber ansonsten bleiben die Ausführungen auf diese Weise doch über weite Strecken völlig unauffällig. Das könnte so in jedem Erziehungsratgeber stehen. Wenn es dann auf Leinen und Halsbänder zu sprechen kommt, wird es zwar schon etwas merkwürdig aber ansonsten scheint das zu klappen. Wir können das aber auch gerne mal andersrum probieren. Schlagen Sie einen beliebigen Elternratgeber auf und ersetzen Sie einfach immer das Wort Kind durch das Wort Hund. Los geht’s! „In den letzten Jahren sind verschiedene Hundetrainings-Konzepte entwickelt worden. […] Daraus habe ich für den folgenden Plan zum Grenzensetzen das übernommen, was besonders gut wirkt und einfach umgesetzt werden kann. […] Das Gute an diesem Plan ist: Sie wissen jederzeit, was sie als Nächstes tun werden.“ (Kast-Zahn 2007, S. 81) „An welche Regeln hält sich Ihr Hund schon? In welchem Bereich gibt es immer wieder Probleme? Welches Verhalten, welcher Regelverstoß stört Sie am meisten? […] Beantworten Sie sich diese Fragen in Ruhe. Dann wird Ihnen klar, welche Regel Ihr Hund zuerst lernen soll.“ (Kast-Zahn 2007, S. 93) „Nicht nur Ihre Worte zählen, wenn Sie mit Ihrem Hund reden: Mit Stimme und Körpersprache können Sie wirkungsvoll unterstreichen, wann Sie es wirklich ernst meinen. [Doch] Was tun Sie wenn Ihr Hund nicht bei Ihnen bleibt und weglaufen will? Wenn Sie es wirklich ernst meinen, darf Ihnen Ihr Hund in dieser Situation nicht entwischen. Wen er nicht freiwillig bei Ihnen bleibt, bleibt Ihnen nichts anderes übrig: Sie halten Ihren Hund fest – so sanft wie möglich und so nachdrücklich wie nötig. Gleichzeitig schauen Sie ihn an und sagen ihm, was er tun soll.“ (Kast-Zahn 2007, S. 96-99) Und so weiter, und so weiter. Ich denke es ist klar geworden. Das funktioniert. Jetzt denken Sie wahrscheinlich, das läge daran, dass wir unsere Hunde zu sehr vermenschlichen, aber weit gefehlt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir vermenschlichen nicht unsere Hunde. Wir vertierlichen unsere Kinder. Vertierlichen, das hört sich komisch an. Es ist aber wahr. Und zwar weil alle diese Erziehungstipps, seien sie für Hunde oder für Kinder, eigentlich für Ratten entwickelt wurden. Oder sagen wir mal so: Die Psychologie interessiert sich ja für das Verhalten von Menschen und wie es zustande kommt. Aber das lässt sich nur sehr schlecht exakt wissenschaftlich nachweisen. Man kann nämlich für Menschen in vielen Lebensbereichen keine besonders wissenschaftlichen Versuchsbedingungen erzeugen. So ist es zum Beispiel verboten eine Gruppe von Babys zusammenzustellen, sie in Laboren aufwachsen zu lassen und zu versuchen, sie zu depressiven Erwachsenen heranzuziehen. Dadurch könnte man vielleicht herausfinden, welche Behandlung Kinder zu depressiven Erwachsenen macht. Man bräuchte dann natürlich auch noch eine Kontrollgruppe von Kindern, die man nicht dieser Behandlung aussetzt um festzustellen, ob die dann weniger depressiv werden. Aber das ist ja verboten. Es sei denn man nimmt statt Kinder Ratten. Was machen die Psychologen also wenn sie wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln wollen? Sie nehmen Ratten und schauen wie sie sich Verhalten. Der Unterschied zwischen Menschen und Ratten ist ja auch, sagen wir mal, marginal. In beiden Fällen handelt es sich um Säugetiere. Und Säugetiere sind sich halt schon ziemlich ähnlich. Ratten sind uns ähnlicher als beispielsweise Fische. Also was will man mehr. Menschen haben halt etwas größerer Gehirne und somit eine reichere Gedanken- und Gefühlswelt, aber das tut nicht wirklich was zur Sache, da man Gedanken und Gefühle nicht messen kann. Verhalten hingegen kann man messen. Das wissenschaftstheoretische Konzept, das hinter dem Versuch steckt das Verhalten von Menschen mit naturwissenschaftlichen Methoden, also ohne Einfühlung - weil Fühlen unwissenschaftlich ist - zu untersuchen und zu erklären, nennt sich Behaviorismus. Die Behavioristen erklären sich menschliches Verhalten auf relativ einfache Weise: Alles was in irgendeiner Weise zu einer Belohnung führt, wird wiederholt, was negative Konsequenzen hat, lässt man lieber sein und alles was gar nichts bewirkt, wird irgendwann langweilig und deshalb gelöscht. Bestechend einfach und bestechend logisch. Deshalb wird dieses Denkmodell auch für alle Lebensbereiche übernommen und inflationär gebraucht. Scheinbar kann man mit diesem Modell jegliches wünschenswertes Verhalten antrainieren und alle unerwünschten Verhaltensweisen abtrainieren. Aber ist es wirklich so einfach? Ich denke nicht. Der Mensch ist eben doch etwas komplexer strukturiert und wird von inneren Prozessen, von Gefühlen und Gedanken geleitet. Oder glauben Sie, dass Sie nach dem Reiz-Reaktions-Schema funktionieren und ihr Verhalten nur von positiven und negativen Reizen bestimmt wird? Ich hoffe nicht. Aber dieses Denken ist in der Kindererziehung weit verbreitet. Sehr weit. Ich nenne Ihnen hier mal ein paar Beispiele: Fangen wir mal mit der „Auszeit“ an. Dabei muss das Kind, dass unerwünschtes Verhalten gezeigt hat, für eine gewisse Zeit auf die „stille Treppe“, ins Kinderzimmer oder wird sonst wie kurz aus der Gemeinschaft entfernt. Das ist ja ein sehr beliebtes Werkzeug in der Kindererziehung und wurde durch die „Super- Nanny“ in alle Familien getragen. Eigentlich heißt Auszeit aber nicht „Pause“ oder „Zeit zum Nachdenken“, wie es oft übersetzt wird, sondern Auszeit von einem positiven Verstärker. Das heißt, etwas Positives wird dem Kind oder der Ratte solange entzogen, bis es oder sie das unerwünschte Verhalten einstellt und wieder das erwünschte Verhalten zeigt. Bei der Ratte wird zum Beispiel eine Lampe, die signalisiert, das gleich das Futter kommt wieder ausgeschaltet, Kindern nimmt man die Nähe und Zugehörigkeit zur Gemeinschaft für kurze Zeit weg. Wie es für Ratten existenziell wichtig ist Futter zu bekommen, ist es für Kinder genauso existenziell wichtig zu einer Gemeinschaft zugehörig zu sein und Liebe und Anerkennung zu erfahren. Man bedenke, dass der Ausschluss aus der Gemeinschaft für das Kind in letzter Konsequenz den Tod bedeuten könnte. Deshalb werden wahrscheinlich sowohl die Ratte als auch das Kind ihr Verhalten ändern. Es funktioniert also und das scheint in dem Wertesystem des modernen und rational denkenden Menschen der Beweis dafür zu sein, dass es auch richtig ist. Aber was lernt das Kind denn dabei noch? Vielleicht lernt es, dass es sich nur zugehörig und geliebt fühlen darf, wenn es tut was man von ihm verlangt? Das die Liebe der Eltern durch schlechtes Verhalten verloren gehen kann, dass es ein böses Kind ist… Vielleicht. Aber das sind Spekulationen, die sich nicht messen lassen. Was man messen und beobachten kann ist, dass das Kind sein Verhalten ändert, dass es eben funktioniert. Was das Kind dabei fühlt und denkt und welche Auswirkungen ein solcher Erziehungsstil auf sein weiters Leben haben wird, zählt nicht. Bei Ratten ist das auch nicht so relevant, bei Kindern wahrscheinlich schon eher.

Ein weiteres beliebtes Mittel in der Kindererziehung ist die so genannte Token-Konditionierung. Auch sie beruht auf Erkenntnissen, darüber, wie Lernen bei Ratten funktioniert. Dabei geht es darum, dass das Kind, bzw. eigentlich der Patient in einer verhaltenstherapeutisch orientierten psychiatrischen Klinik, für bestimmte Verhaltensweisen „Token“ sammeln kann, die er dann später gegen etwas einlösen kann. Das mit dem Sammeln kapieren Ratten zwar nicht, Kinder aber schon. Denen kann man dann statt ein Leckerchen zu geben, ein Sternchen ins Heft kleben. Für zehn Sternchen gibt es dann zum Beispiel eine Barbie oder so was ähnliches. Auch das ist, sagen wir mal, fragwürdig. Brav und lieb sein gegen Bezahlung? Tja, was lernt man dabei? Ich bin bestechlich, für Geld tue ich alles, egal ob ich verstehe warum… Nun ja.

Dann gibt es natürlich noch die Konsequenzen. Das sind die ganzen „wenn, dann…“ Androhungen. Man könnte auch sagen Strafen. So könnte man zum Beispiel einen Hund immer wenn er bellt, mit einem lauten Geräusch erschrecken. Dann verknüpft er bellen und erschrecken und lässt das Bellen demnächst sein. Kindern könnte man zum Beispiel sagen, dass ihr Lieblingsspielzeug verschwindet, wenn sie ihre kleine Schwester hauen. Auch recht wirkungsvoll, aber irgendwie am Ziel vorbei. Wollen wir nicht, dass unsere Kinder glückliche, selbstbewusste Menschen werden, die in der Lage sind eigene Entscheidungen zu treffen, die sich selbst spüren können und ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen können, die sich in andere hineinversetzen können und die die Fähigkeit zu Liebe und Begeisterung entwickeln? Ich denke nicht, dass sich das mit einem Erziehungsstil, der auf Einfühlung und die Wahrnehmung innerer Prozesse verzichtet, möglich ist. Sind es nicht gerade der innere Reichtum, die Beziehungen zu anderen und die reichhaltige Gefühlswelt, die das Leben lebenswert machen, die uns spüren lassen, dass wir lebendig sind und unserem Leben Sinn verleihen? Aber nur in einer Beziehung, die von gegenseitigem Respekt und von Liebe getragen ist, kann sich ein solcher innerer Reichtum entfalten. Allerdings gehört es zu einer selbstbewussten starken Persönlichkeit, die sich geliebt und angenommen fühlt auch dazu, dass diese Person nicht von der Bewertung und den Wünschen anderer abhängig ist. Und das kann ziemlich unpraktisch sein. Das heißt nämlich, dass diese Kinder nicht unbedingt das tun, was wir gerne hätten. Sie sind nämlich eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Wünschen und Vorstellungen und keine abgerichteten Hunde. Wem das zu blöd ist, der sollte bei der Familienplanung Sex nicht als die einzige Option ansehen, sondern auch einen Besuch im Tierheim in Erwägung ziehen. Hunde sind auch ganz süß.

 

Was haben wir denn da?

Was haben wir denn da? Ja, das ist die Frage, die man sich vielleicht zu erst stellen sollte, wenn man sich dem Thema Erziehung widmen möchte. Zumindest, falls man das aus einer wissenschaftlichen Perspektive tun möchte. Schließlich müssen wir erstmal festlegen womit wir es zu tun haben, bevor wir irgendwelche weiteren Aussagen darüber treffen können, wie man mit dem vorliegenden Objekt umgehen soll. Das erscheint logisch. Also fangen wir mit dieser zunächst mal einfach erscheinenden Frage an. Womit haben wir es zu tun? Zunächst einmal können wir uns sicher darauf einigen, dass es sich bei den Erziehungsobjekten um Kinder handelt und nicht um Hunde. Gut. Aber was ist ein Kind? Ein Mensch, wenn auch ein kleiner. Was aber ist dem Menschen und insbesondere dem heranwachsenden eigen? Diese Frage ist nicht unwesentlich und wird in den Sozialwissenschaften viel diskutiert. Insbesondere im Umgang mit Kindern ist das Menschenbild des einzelnen wesentlich dafür verantwortlich, wie er sich in Erziehungsfragen entscheidet.

Eine Vorstellung vom Menschen beherrscht unsere Kultur seit Jahrhunderten. Nämlich die, dass der Mensch egoistisch, selbstsüchtig und aggressiv sei. Klar, jeder kennt Darwin. Der Stärkere setzt sich durch und kann überleben. Die Schwachen gehen zu Grunde, können sich nicht vermehren und sterben schließlich aus. Das Leben ist ein Kampf um die knappen Ressourcen und nur wer sich durchsetzt hat eine Chance zu überleben. Darum hat auch das kleine Kind diesen egoistischen Drang sich gegenüber den anderen durchzusetzen und sich zu behaupten. Nur die entsprechende Erziehung hindert das Kind daran, seine Triebe wild auszuleben und befähigt es dazu sich in eine Gemeinschaft einzufügen. (Übrigens ist die Vorstellung vom „bösen Menschen“ auch in einigen Religionen verankert.) Experten, die von diesem Menschenbild ausgehen, hören sich dann so oder so ähnlich an: „Wie können wir unsere Kinder daran hindern, Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten? Wie können wir sie andererseits dazu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen […] Wenn Eltern nicht recht wissen, was sie wollen, und vor entschiedenem, konsequentem Handeln zurückschrecken haben plötzlich die Kinder >>das Heft in der Hand<<.“ (Kast-Zahn 2012, S. ?????) Vor dieser Machtübernahme der Kinder wird gewarnt, den „Machtkampf“ müssen die Eltern gewinnen, sonst werden die Kinder „unausstehlich“. Regeln müssen aufgestellt und befolgt werden. Zuviel „Theater“ seitens der Kinder darf nicht geduldet werden. Klar und wenn man von der Annahme ausgeht, das Kind sei von Grund auf egoistisch und selbstsüchtig und will nur seine Interessen durchsetzen, findet man im kindlichen Verhalten auch mehr als genug Beweise für diese Annahme. Ein Säugling scheint nur auf die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse programmiert zu sein. Wenn die Befriedigung nicht unmittelbar erfolgt schreit er und „terrorisiert“ seine Eltern. Kleinkinder trotzen was das Zeug hält, Jugendliche nehmen keine Rücksicht usw. Wenn man das Verhalten der Kinder also vor dem Hintergrund dieses Menschenbildes betrachtet, lässt es sich nur schwerlich leugnen, dass Erziehung in erster Linie dazu dienen sollte, Kindern Anstand beizubringen. Aber, und jetzt wird es spannend, das ist nur eine von vielen möglichen Perspektiven. Man könnte zum Beispiel auch davon ausgehen, dass der Mensch ein durch und durch soziales Wesen ist, das elementar auf enge Bindungen zu anderen Menschen angewiesen ist und somit die Fähigkeit zu Kooperation und Mitgefühl in sich trägt. So behauptet der Dalai Lama beispielsweise: „Wir sind dazu geschaffen, nach Glück zu streben. Und es steht außer Zweifel, dass Empfindungen wie Liebe, Zuneigung, Nähe und Mitgefühl glücklich machen. […] Menschliche Zuneigung und Mitgefühl sind […] ein unverzichtbarer Bestandteil unseres täglichen Lebens.“ (Dalai Lama; Cutler 2012; S. 85). Gut, der Dalai Lama gilt jetzt nicht für jeden als Autorität. Aber nicht nur der Dalai Lama geht von dem Menschen als einem mitfühlenden und sozialen Wesen aus. Auch die moderne Hirnforschung und andere Wissenschaftszweige bestätigen diese Annahme. So gilt es als erwiesen, dass ein Mangel an engen sozialen Bindungen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt, unglücklich macht und Stress auslöst. Die Fähigkeit sich mit anderen zusammenzuschließen, „um für das eigene Wohlergehen wie das  der Gefährten zu sorgen, ist wahrscheinlich ein tief in der menschlichen Natur verankerter Instinkt.“ (Dalai Lama; Cutler 2012; S. 92) Auch für diese Annahme, lassen sich unzählige Beweise finden. So ist der Säugling beispielsweise völlig hilflos und nicht überlebensfähig ohne die liebevolle Zuwendung einer Bindungsperson. Babys lernen schon unheimlich früh andere Menschen anzulächeln, die Sehschärfe Neugeborener ist genau darauf eingestellt, dass Gesicht der Mutter beim Stillen oder im Arm wiegen zu erkennen… Viele menschliche Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Sprache, entwickeln sich nur im engen Kontakt zu anderen Menschen. Der Mensch scheint also ein auf Bindung und Beziehung geeichtes Wesen zu sein und somit die Fähigkeit zu Liebe, Kooperationsfähigkeit und Mitgefühl in sich zu tragen. Experten, die von dieser Annahme ausgehen, betonen die Bedeutung der Eltern- Kind- Bindung, raten zu viel Nähe und Körperkontakt bei kleinen Kindern und interpretieren das Verhalten der Kinder oft ganz anders als diejenigen, die von der Annahme ausgehen, der Mensch sei egoistisch und in erster Linie daran interessiert seine selbstsüchtigen Interessen durchzusetzen. Nun kann man sich vorstellen, dass beide Menschenbilder zu völlig gegensätzlichen Aussagen und Ratschlägen führen können. Die einen sagen, man solle sich nicht vom Kind terrorisieren lassen, es soll alleine in seinem Bett schlafen, auf Geschrei sollte man grundsätzlich nicht reagieren, damit das Kind nicht lernt, dass es sich so durchsetzen kann… Die anderen sagen, man solle auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen, Nähe und Körperkontakt zulassen, die Äußerungen des Kindes wahrnehmen und angemessen darauf reagieren… Und, das ist das Komische daran, beide Haltungen lassen sich schlüssig begründen. Letzten Endes ist es auch eine Frage des Geschmacks, der eigenen Vorlieben und Erfahrungen, zu welchem Menschenbild man mehr tendiert. Das Problem aber ist, dass das Menschenbild nur in den seltensten Fällen bewusst ist. Meistens ist es eher so, dass eine bestimmte Meinung oder ein bestimmter Ratschlag in Erziehungsfragen eben auch ein bestimmtes Menschenbild impliziert. Deshalb sollte man sich, bevor man sich einen bestimmten Erziehungsratschlag oder eine Haltung zu eigen macht, zunächst einmal fragen, welche Vorstellungen von Kindern stehen denn dahinter und stimmt diese Vorstellung mit dem was ich selbst denke und vor allem fühle überein. Ist mein Kind wirklich egoistisch und selbstsüchtig oder ist es eher bedürftig und abhängig, terrorisiert es mich oder will es meine Liebe? Das ist oft nicht so einfach. Gerade wenn auf Eltern unzählige Ratschläge und Erwartungshaltungen von den unterschiedlichsten Seiten einprallen. Zumal es ja nicht nur die zwei Perspektiven, die ich oben beschrieben habe gibt. Man könnte sich noch jede Menge anderer Menschenbilder vorstellen, die den pädagogischen Ratschlägen zugrunde liegen. So gibt es zum Beispiel die oft zitierte Computer-Metapher. Man stellt sich das kindliche Gehirn ähnlich wie einen Computer vor, den man programmieren muss. Diese Vorstellung ist sehr technisch und beinhaltet die Annahme, dass man theoretisch alles verstehen und planen kann. Wenn man das Kind nur mit den richtigen Daten füttert, wird es auch das richtige Verhalten zeigen. Abgesehen davon, dass das schon bei meinem Computer nicht funktioniert, gibt es bei der Kindererziehung so viele Faktoren, die eine Rolle spielen, dass es unmöglich ist alles zu berechnen und zu beherrschen. Aber dennoch, beinhaltet auch diese Vorstellung eine gewisse Schlüssigkeit und viele Lern- und Übungsprogramme basieren auf dieser Annahme. Letzten Endes wird es wohl so sein, dass alle Annahmen ein Quäntchen Wahrheit beinhalten und das es eben eine Frage der Perspektive ist, was man gerade sieht. Dennoch kann die Auseinandersetzung mit dem eigenen Menschenbild ein wichtiger Richtungsweiser in der Erziehung sein.

Die Frage, womit wir es zu tun haben, lässt sich also gar nicht so leicht beantworten. Aber man sagt ja, der Kopf sei rund, damit das Denken seine Richtung ändern könne. Diese These ist zwar in zweierlei Hinsicht gewagt. Erstens sind die Fälle in denen das Denken wirklich die Richtung geändert hat so selten, dass es unwahrscheinlich ist, dass das etwas mit runden Köpfen zu tun hat. Davon gibt es nämlich viele. Und zweitens ist es auch nicht schlüssig warum man bei einem Quadrat oder auf einer Geraden nicht die Richtung ändern können sollte. Und dennoch könnte man es bei schwierigen Erziehungsfragen mal mit einer Richtungsänderung oder wenigstens einem Perspektivenwechsel probieren. Wenn man das nicht schafft, reicht einfaches nachdenken oft schon aus. Dann wird man vielleicht feststellen, dass man das Verhalten seines Kindes vor dem Hintergrund eines Vorurteils über das allgemeine Wesen des Menschen interpretiert hat. Wenn sich ihr Kind also demnächst an der Supermarktkasse schreiend auf den Boden wirft, halten Sie einfach ihre Gedanken an, wenden sie bei der nächsten Möglichkeit und interpretieren diese Situation um. Statt: „Dieser kleine Tyrann will schon wieder seinen Willen durchsetzen.“ Denken Sie einfach: „Ein Kind entwickelt sich in Beziehung und Abgrenzung zu andern Menschen. Konflikte gehören dazu. Wir machen also gerade Entwicklungsförderung.“ Das hilft zwar überhaupt nix. Aber Sie haben vielleicht etwas Zeit mit denken verbracht, die Sie sonst fürs Aufregen verwendet hätten und das ist ja schon mal was.

Entscheiden Sie selbst durch welche Theoriebrille Sie ihr Kind betrachten wollen.

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